Die Côte des Allemands

Eine Migrationsgeschichte im Louisiana des 18. Jahrhunderts

»Tüchtig, arbeitsam und diszipliniert«, so präsentierten die französischen und spanischen Kolonialbeamten die »deutschen« Siedler Louisianas in ihren frühen Briefen und Journalen. In meinem aktuell erschienenen Band Die Côte des Allemands: Eine Migrationsgeschichte im Louisiana des 18. Jahrhunderts folge ich den Spuren dieser »Mustermigranten« des 18. Jahrhunderts, die nur wenige Meilen flussaufwärts von New Orleans am Mississippi eine neue Heimat fanden, – und biete zugleich eine Einführung in die frühe Geschichte Louisianas. Basierend auf Ansätzen der historischen Migrationsforschung und der Kulturgeschichte erkunde ich vor allem das Sprechen über die »Deutschen«, entschlüssele die kolonialen Diskurse um das Deutschsein und liefere damit auch einen Beitrag zu gegenwärtigen Debatten der Migrationspolitik.
Migration und Migrationspolitik sind derzeit in aller Munde. Die Diskussionen und Debatten werden jedoch oftmals ahistorisch geführt. Die Studie zur ›Côte des Allemands‹ und zu den ›Deutschen von Louisiana‹ wirkt diesem Trend entgegen: Zum einen historisiert die Studie das Phänomenen Migration, zum anderen legt die Studie die Mechanismen offen, die dem Sprechen über Migration und Migrant_innen zugrunde liegen. Die Studie entlarvt das ›Deutsche‹ und ›Deutschsein‹ dabei als soziale und kulturelle Konstrukte, die mit Bedeutungen versetzt und zu Wirklichkeiten erhoben wurden. Dadurch wird unser Verständnis dafür vertieft, wie koloniale Akteure über Migration sprachen, warum einige Migrant_innen positiv und andere negativ bewertet, warum europäische Migrant_innen von afrikanischen Sklav_innen und indianischen Gruppen abgegrenzt wurden. Zudem leistet die Studie historische Grundlagenforschung und entflechtet das Wirrwarr von Mythen und Legenden um die Migrationsgeschichte des kolonialen Louisiana und nimmt so eine Perspektivverschiebung vor: Anstatt allein die Bedingungen und Begebenheiten der Migration zu untersuchen, spürt die Studie konsequent dem Sprechen über Migration und Migrant_innen nach. Dieses Sprechen hatte freilich wenig mit den ›realen‹ Gegebenheiten zu tun, sondern verlief entlang der Grenzen des Sagbaren – und exakt diese Grenzen gilt es in aktuellen Forschungsdebatten zu erkunden!

Die Pdf-Version der Einleitung finden Sie auf der Webseite des Transcript-Verlages.

Hübner, Andreas. Die Côte des Allemands: Eine Migrationsgeschichte im Louisiana des 18. Jahrhunderts. Bielefeld: Transcript, 2017.

 

Migration und Familie

Seit Längerem interessieren mich die Mechanismen der kolonialen Wissensproduktion. Dadurch ist im Rahmen meiner Studien zur Côte des Allemands auch der Themenkomplex „Kolonie, Kirche und Familie“ immer wieder ins Zentrum der Untersuchungen gerückt. Beim Blick in die Überlieferungen fiel mir stets die Einpassung sogenannter „deutscher“ Familien in die koloniale Wissensproduktion sowie in die kolonialen Machtbeziehungen ins Auge. Dabei wurde die Familie als universeller Referenzpunkt gesetzt, diese Setzung in der Forschung bisher aber kaum hinterfragt. Dies überrascht durchaus, stellte sich die der Kolonialisierung Louisianas zugrunde liegende Migration doch zunächst als Familien-zersetzendes Projekt dar: Unzählige Akteure kamen auf dem Weg nach Louisiana ums Leben oder starben nach ihrer Ankunft an den Stränden des Golfs von Mexiko aufgrund mangelnder Versorgung. Familien wurden zerrissen und teils komplett zu Grabe getragen. Erst nach einer Phase der Konsolidierung entstanden nach 1721 neue Familien und Familiennetzwerke, die auch die Machtbeziehungen der jungen Kolonie widerspiegelten.

Der Repräsentation und Inszenierung dieser Machtbeziehungen in Kirchenregistern bin ich nun in einem Beitrag nachgegangen, der im Oktober 2017 in einem Sammelband mit dem Titel Migration und Familie erschienen ist. Herausgegeben von Meike Baader, Wolfgang Gippert und Petra Götte vereint der Band historische und aktuelle Analysen des Schwerpunktes „Familie und Migration“ und basiert auf einer Tagung des Arbeitskreises „Historische Familienforschung“ aus dem Januar 2015.

Der Beitrag ist als Pdf-Datei verfügbar.

Hübner, Andreas. „Kolonie und Familie: Die Kirchenregister der Côte des Allemands und die Ausbildung familialer Netzwerke im Louisiana des 18. Jahrhunderts“, in Migration und Familie: Historische und aktuelle Analysen, hrsg. v. Meike Baader, Wolfgang Gippert und Petra Götte. Wiesbaden: VS Springer, 2017. 21–38.