It’s a German Sausage with a French Name

Kürzlich hatte ich im Rahmen der digitalen Jahrestagung der Louisiana Historical Association die Gelegenheit, einen Teil meiner Forschungen zur Côte des Allemands vorzustellen. Ausgehend von einer kritischen Diskussion der Forschungslage widmete ich mich dabei vor allem der Frage, warum deutschsprachige Migranten in französischen Kolonialakten des 18. Jahrhunderts fortwährend als tüchtig und fleißig beschrieben wurden, wohingegen die Leistungen der und die Verflechtungen mit den petits nations und den versklavten Afrikaner:innen nahezu vollständig ausgeblendet blieben. Im Beitrag argumentiere ich dafür, die Geschehnisse an der Côte des Allemands im Kontext einer Entangled History der Atlantischen Welt zu historisieren und somit auch die Akteursrolle oftmals marginalisierter Gruppen erkunden und in der Geschichte des kolonialen Louisianas sichtbar machen zu können. Der Vortrag ist nun auf dem Youtube-Kanal der Louisiana Historical Association frei zugänglich.

New Orleans als Modell kolonial-urbaner Ordnung

Der 11. September 1722 hätte für den königlichen Ingenieur von New Orleans, Pierre Le Blond de La Tour, kaum unheilvoller beginnen können: Um neun Uhr morgens war die Stadt am Mississippi völlig unerwartet von starken Winden heimgesucht und nur eine Stunde später von einem verheerenden Hurrikan überzogen worden. Dessen Stärke hatte erst gegen vier Uhr in der Frühe des Folgetages nachgelassen. Zusammenfassend hielt Le Blond de La Tour in seiner Korrespondenz mit dem französischen Marineministerium am 13. September trocken fest: ,,[Der Sturm] hat mindestens zwei Drittel der hiesigen Gebäude zerstört und jene, die noch stehen, befinden sich in einem solch schlechten Zustand, dass man sie wohl niederreißen muss. Die Kirche, das Presbytère, die Krankenstation und ein Kasernenbau, der eine Reihe von Arbeitern beherbergt, gehören zu den Gebäuden, die zerstört wurden, ohne dass, dank sei dem Herrn, irgendjemand getötet wurde.“ Dem Herrn dankte Le Blond de La Tour vermutlich nicht nur ob der verschonten Menschenleben. Auch die Zerstörungen des Sturmes kamen dem Planer der kürzlich zum Kolonialsitz ernannten Stadt nicht ungelegen: ,,All diese Gebäude waren alt und behelfsmäßig errichtet, kein einziges befand sich in der Ausrichtung der neuen Stadt. Sie alle hätten so oder so abgerissen werden müssen.“ Die Zerstörungen des Sturmes hatten also eine Vielzahl von Abrissarbeiten vorweggenommen, die aufgrund der Neuanlage von New Orleans ohnedem notwendig gewesen wären.

Ausgehend von diesen Beobachtungen erkunde ich in einem nun veröffentlichten Artikel die Neuanlage und Stadtentwicklung von New Orleans nach den Vorstellungen von Le Blond de La Tour sowie nach den Ideen seiner Helfer und Nachfolger. Wie der Titel des Beitrags bereits andeutet, frage ich dabei, inwiefern „New Orleans als Modell kolonial-urbaner Ordnung“ oder aber als brüchiges Modell kolonialer Unordnung gelten kann.

Der Aufsatz ist in der Zeitschrift für Weltgeschichte erschienen und dank Open Access Regelung frei zugänglich: https://doi.org/10.3726/ZWG0120198

Hübner, Andreas. „‚Notre Ville est fort belle‘: New Orleans als Modell kolonial-urbaner Ordnung“, Zeitschrift für Weltgeschichte 20:1 (2019): 105–124. (peer reviewed) Download

Die Côte des Allemands

Eine Migrationsgeschichte im Louisiana des 18. Jahrhunderts

»Tüchtig, arbeitsam und diszipliniert«, so präsentierten die französischen und spanischen Kolonialbeamten die »deutschen« Siedler Louisianas in ihren frühen Briefen und Journalen. In meinem aktuell erschienenen Band Die Côte des Allemands: Eine Migrationsgeschichte im Louisiana des 18. Jahrhunderts folge ich den Spuren dieser »Mustermigranten« des 18. Jahrhunderts, die nur wenige Meilen flussaufwärts von New Orleans am Mississippi eine neue Heimat fanden, – und biete zugleich eine Einführung in die frühe Geschichte Louisianas. Basierend auf Ansätzen der historischen Migrationsforschung und der Kulturgeschichte erkunde ich vor allem das Sprechen über die »Deutschen«, entschlüssele die kolonialen Diskurse um das Deutschsein und liefere damit auch einen Beitrag zu gegenwärtigen Debatten der Migrationspolitik.

Die Einleitung der Studie finden Sie auf der Webseite des Transcript-Verlages.

Hübner, Andreas. Die Côte des Allemands: Eine Migrationsgeschichte im Louisiana des 18. Jahrhunderts. Bielefeld: Transcript, 2017. (Rezensionen von Roland Spickermann. In: Louisiana History 62:3 (2021): 361-363; und von Brigitta L. Malm. In: Yearbook of German-American Studies 53 (2018): 211-214. Lektüreempfehlung von Ulrich Brömmling. In: Vier Viertel Kult: Vierteljahresschrift der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz 4 (2019): 23.)

Vermessen, Ordnen und Kartographieren im kolonialen Louisiana

Transnational Actors“A map was a model for, rather than a model of, what it purported to represent”, konstatierte Winichakul Thongchai bereits im Jahr 1994. Im Anschluss an diese Prämisse formulierte ich einige Überlegungen zu kartograpischen Raumkonstruktionen und Möglichkeitsräumen in den Karten des kolonialen Louisiana. Der entsprechende Beitrag ist nun in einem Band des Leipziger Universitätsverlages erschienen und steht in einer Reihe von Artikeln, die vor allem zu erklären suchen, wie transnationale, -atlantische und -lokale Bewegungen die Konstruktion von Wissen, Ideen und Territorien beeinflussen. Im Rahmen meiner Forschungen bedeutet der Beitrag einen ersten Schritt in Richtung einer transatlantischen Bewegungsgeschichte.

Hübner, Andreas. „Vermessen, Ordnen und Kartographieren im kolonialen Louisiana: Raumkonstruktionen und Möglichkeitsräume an der Côte des Allemands“, in Transnational Actors – Crossing Borders, hrsg. von Steffi Marung und Matthias Middell. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag, 2015. 155–168.