For Crown or Colony

Oregon Trail, Civilization, und The Assassin’s Creed sind nur drei von unzähligen digitalen Spielen, die seit mehr als einem halben Jahrhundert für das Spielen mit Bezug zu oder zur Vermittlung von historischen Ereignissen entwickelt wurden. Schon 1965 versuchte Bruse Moncreiff, ein IBM-Mitarbeiter und Wirtschaftstheoretiker, die unterrichtspraktischen Potenziale des Sumerian Game, einer digitalen Wirtschaftssimulation für die Schulen im US-Bundesstaat New York, zu ergründen. Zwar wurden Moncreiffs Forschungen in der Folge nur vereinzelt von Pädagogik und Didaktik beachtet, jedoch traten diverse Spielemacher in den 1970er, 1980er und 1990er Jahren in Moncreiffs Fußstapfen. Sie entwickelten immer mehr digitale Spiele, deren historischer Hintergrund auch zur Deutung von vergangenen Geschehnissen beitrug. Gleichzeitig funktionierten die Spiele als Produkte und Zeugen konkreter historischer Gesellschaften und Kulturen.

Mit For Crown or Colony des gemeinnützigen Produzenten Mission US steht Lehrenden nun ein Lernszenario zur Verfügung, dessen Einsatz im Unterricht aus schulpraktischer Perspektive durchaus Erfolg verspricht, nicht zuletzt, weil es inhaltlich und didaktisch an historischen Modellen, Strukturen und Prozessen orientiert ist und von den Schüler*innen eine Reihe von interdependenten Entscheidungen verlangt, während es gleichzeitig eine kritische Auseinandersetzung mit ebendiesen erfordert. Mit Caro Blume zusammen habe ich daher in einem Beitrag die Potentiale des Spiels für den Geschichts- und Entlischunterricht erkundet und dabei vor allem die Gameplay-Mechanismen des Spiels und die Eignung des Spiels für transkulturell-kommunikative Lehr-Lern-Settings untersucht.

[mit Carolyn Blume] „Von Patrioten und Rebellen: Ein digitales Lernspiel für den fremdsprachlichen Englischunterricht“, in Englisch­unterricht in einer digitalisierten Gesellschaft, hrsg. v. Judith Bündgens-Kosten und Peter Schildhauer. Weinheim: Beltz, 2021. 154–165. (peer reviewed)

Pandadiplomatie im Klassenzimmer

Als im Sommer 2017 die Augen auf Deutschland als Gastgeber des G20 Gipfels gerichtet waren, fanden sich zahlreiche Fernsehkameras weniger auf das Hamburger Kongresszentrum, sondern den Berliner Zoo gerichtet. Sie filmten die dort eben erst eingetroffenen Pandabären Meng Meng und Jiao Qing, die, basierend auf der chinesischen Pandadiplomatie, als Botschafter für die wirtschaftliche Zusammenarbeit beider Länder in die Hauptstadt gekommen waren. Die Bundesregierung verhandelte derweil mit Peking großvolumige Handelsverträge aus. Dies war nicht das erste Mal in der deutsch-chinesischen Geschichte, dass diese Tiere zu Objekten von diplomatischen Verhandlungen geworden waren. 1980 hatte Bundeskanzler Helmut Schmidt nach erfolgreichen Gesprächen mit China die beiden Pandas Bao Bao und Tjen Tjen für den Berliner Zoo gewinnen können. Zur Zeit des Kalten Krieges waren die Tiere Gold wert. 1958 hatte das Pandaweibchen Chi Chi mehrere Wochen im Ost-Berliner Tierpark auf ihrem Weg nach London verbracht, der damit einen auch politisch bedeutsamen Prestige-Erfolg gegenüber der Konkurrenz im Westen verbuchen konnte. Tiere, so zeigen diese zeithistorischen Episoden, sind Objekte historischer Narration, sind sie aber auch historische Akteure?

Über diese Frage wird innerhalb der historischen Zunft seit einigen Jahren durchaus gestritten und auch wenn die Debatte darum, ob Tiere nun handlungsmächtig oder nur wirkmächtig sind längst nicht beendet ist, so lässt sich doch festhalten, dass das noch junge Feld der Tiergeschichte sich wachsender Beliebtheit erfreut. Dass die Themen der Mensch-Tier-Beziehungen zudem zentrale Aspekte des Geschichtsunterrichts berühren und dass man über die Befassung mit Tieren neue didaktische Zugänge zu Themen entwickeln kann, die auf den ersten Blick menschenzentriert scheinen, ist bislang in der Geschichtsdidaktik nur am Rande aufgegriffen worden. Eine Didaktik der Mensch-Tier-Beziehungen liegt bisher nicht vor. In unserem Aufsatz leuchten Mieke Roscher und ich daher einerseits das Potential aus, welches die Tiergeschichte für den Geschichtsunterricht bietet, anderseits blättern wir die geschichtswissenschaftlichen Perspektiven auf die Erforschung von Tieren auf und stellen ihre geschichtsdidaktischen Implikationen vor.

Hübner, Andreas und Mieke Roscher. „Pandadiplomatie im Klassenraum: Mensch-Tier-Beziehungen als geschichtsdidaktische Aufgabe“, Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 18 (2019): 112–128. (peer reviewed) Download