Die Côte des Allemands

Eine Migrationsgeschichte im Louisiana des 18. Jahrhunderts

»Tüchtig, arbeitsam und diszipliniert«, so präsentierten die französischen und spanischen Kolonialbeamten die »deutschen« Siedler Louisianas in ihren frühen Briefen und Journalen. In meinem aktuell erschienenen Band Die Côte des Allemands: Eine Migrationsgeschichte im Louisiana des 18. Jahrhunderts folge ich den Spuren dieser »Mustermigranten« des 18. Jahrhunderts, die nur wenige Meilen flussaufwärts von New Orleans am Mississippi eine neue Heimat fanden, – und biete zugleich eine Einführung in die frühe Geschichte Louisianas. Basierend auf Ansätzen der historischen Migrationsforschung und der Kulturgeschichte erkunde ich vor allem das Sprechen über die »Deutschen«, entschlüssele die kolonialen Diskurse um das Deutschsein und liefere damit auch einen Beitrag zu gegenwärtigen Debatten der Migrationspolitik.

Die Einleitung der Studie finden Sie auf der Webseite des Transcript-Verlages.

Hübner, Andreas. Die Côte des Allemands: Eine Migrationsgeschichte im Louisiana des 18. Jahrhunderts. Bielefeld: Transcript, 2017.

 

New Orleans als Modell kolonial-urbaner Ordnung

Der 11. September 1722 hätte für den königlichen Ingenieur von New Orleans, Pierre Le Blond de La Tour, kaum unheilvoller beginnen können: Um neun Uhr morgens war die Stadt am Mississippi völlig unerwartet von starken Winden heimgesucht und nur eine Stunde später von einem verheerenden Hurrikan überzogen worden. Dessen Stärke hatte erst gegen vier Uhr in der Frühe des Folgetages nachgelassen. Zusammenfassend hielt Le Blond de La Tour in seiner Korrespondenz mit dem französischen Marineministerium am 13. September trocken fest: ,,[Der Sturm] hat mindestens zwei Drittel der hiesigen Gebäude zerstört und jene, die noch stehen, befinden sich in einem solch schlechten Zustand, dass man sie wohl niederreißen muss. Die Kirche, das Presbytère, die Krankenstation und ein Kasernenbau, der eine Reihe von Arbeitern beherbergt, gehören zu den Gebäuden, die zerstört wurden, ohne dass, dank sei dem Herrn, irgendjemand getötet wurde.“ Dem Herrn dankte Le Blond de La Tour vermutlich nicht nur ob der verschonten Menschenleben. Auch die Zerstörungen des Sturmes kamen dem Planer der kürzlich zum Kolonialsitz ernannten Stadt nicht ungelegen: ,,All diese Gebäude waren alt und behelfsmäßig errichtet, kein einziges befand sich in der Ausrichtung der neuen Stadt. Sie alle hätten so oder so abgerissen werden müssen.“ Die Zerstörungen des Sturmes hatten also eine Vielzahl von Abrissarbeiten vorweggenommen, die aufgrund der Neuanlage von New Orleans ohnedem notwendig gewesen wären.

Ausgehend von diesen Beobachtungen erkunde ich in einem nun veröffentlichten Artikel die Neuanlage und Stadtentwicklung von New Orleans nach den Vorstellungen von Le Blond de La Tour sowie nach den Ideen seiner Helfer und Nachfolger. Wie der Titel des Beitrags bereits andeutet, frage ich dabei, inwiefern „New Orleans als Modell kolonial-urbaner Ordnung“ oder aber als brüchiges Modell kolonialer Unordnung gelten kann.

Der Aufsatz ist in der Zeitschrift für Weltgeschichte erschienen und dank Open Access Regelung frei zugänglich: https://doi.org/10.3726/ZWG0120198

Hübner, Andreas. „‚Notre Ville est fort belle‘: New Orleans als Modell kolonial-urbaner Ordnung“, Zeitschrift für Weltgeschichte 20:1 (2019): 105–124. (peer reviewed)

#BlackLivesMatter

Als Historiker, dessen Schwerpunkte in Forschung und Lehre auch im Bereich der Nordamerikastudien liegen, will ich heute meine Solidarität mit all jenen bekunden, die für Gerechtigkeit, für eine gleichberechtigte Anwendung des Rechts und für ein Ende der rassistischen Gewalt und Unterdrückung in unserer Welt eintreten. Als Historiker, der im deutschen Hochschul- und Wissenschaftssystem verortet ist, komme ich dabei nicht umhin, mein eigenes Privileg zu erkennen. Es ist daher meine Pflicht, in Forschung, Lehre und Alltag meine Stimme gegen jedwede Formen rassistischer Gewalt und Diskriminierung einzusetzen. Schweigen ist keine Alternative, Schweigen legitimiert Gewalt und Diskriminierung.

Ich unterstütze in diesem Sinne die Stellungnahmen der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien (insbesondere jene des PGF und des Diversity Roundtable) und des John F. Kennedy Instituts der Freien Universität Berlin.

#BlackLivesMatter

A People of “Patriotic Hearts”?

Wie reagierten die Deutschamerikaner auf den Beginn des Ersten Weltkrieges? Eine Reihe von Studien hat diese Frage in den letzten Jahren und Jahrzehnten bereits beantwortet, nun habe ich die einschlägigen Forschungen mit einem Artikel in der Zeitschrift Louisiana History um eine Perspektive erweitert. In New Orleans, wo diejenigen, die sich selbst als Deutschamerikaner bezeichneten, einen verschwindend geringen Anteil an der Gesamtbevölkerung ausmachten, versuchten die Interessenvertreter*innen der Deutschamerikaner, eine politische Koalition mit alteingesessenen Eliten zu schmieden, die die Unterstützung deutschamerikanischer Belange während und nach dem Ersten Weltkrieg weiterhin garantieren sollte. Explizit eingeschlossen in diese politische Koalition wurde die Gruppe der Iro-Amerikaner, explizit ausgeschlossen wurde die afroamerikanische Bevölkerung von Louisiana und New Orleans.

Im Jahr 1915 waren diese Versuche politischer Einflussnahme durchaus erfolgreich, wie u.a. das „Mass Meeting for the Furtherance of American Neutrality“ und der „Red Cross Bazaar” im Januar und April 1915 zeigen. Dies lag auch daran, wie die Forschung bereits für andere Regionen nachgewiesen hat, dass es den Deutschamerikaner zu diesem frühen Zeitpunkt des Krieges noch gelang, sich als „patriotische“ Amerikaner zu inszenieren.

Hübner, Andreas. „A People of ‚Patriotic Hearts‘?: German-Americans, U.S. Neutrality, and the Building of an Inclusive Coalition in New Orleans, 1915“, Louisiana History 60:3 (2019): 261–288. (peer reviewed)

Pandadiplomatie im Klassenzimmer

Als im Sommer 2017 die Augen auf Deutschland als Gastgeber des G20 Gipfels gerichtet waren, fanden sich zahlreiche Fernsehkameras weniger auf das Hamburger Kongresszentrum, sondern den Berliner Zoo gerichtet. Sie filmten die dort eben erst eingetroffenen Pandabären Meng Meng und Jiao Qing, die, basierend auf der chinesischen Pandadiplomatie, als Botschafter für die wirtschaftliche Zusammenarbeit beider Länder in die Hauptstadt gekommen waren. Die Bundesregierung verhandelte derweil mit Peking großvolumige Handelsverträge aus. Dies war nicht das erste Mal in der deutsch-chinesischen Geschichte, dass diese Tiere zu Objekten von diplomatischen Verhandlungen geworden waren. 1980 hatte Bundeskanzler Helmut Schmidt nach erfolgreichen Gesprächen mit China die beiden Pandas Bao Bao und Tjen Tjen für den Berliner Zoo gewinnen können. Zur Zeit des Kalten Krieges waren die Tiere Gold wert. 1958 hatte das Pandaweibchen Chi Chi mehrere Wochen im Ost-Berliner Tierpark auf ihrem Weg nach London verbracht, der damit einen auch politisch bedeutsamen Prestige-Erfolg gegenüber der Konkurrenz im Westen verbuchen konnte. Tiere, so zeigen diese zeithistorischen Episoden, sind Objekte historischer Narration, sind sie aber auch historische Akteure?

Über diese Frage wird innerhalb der historischen Zunft seit einigen Jahren durchaus gestritten und auch wenn die Debatte darum, ob Tiere nun handlungsmächtig oder nur wirkmächtig sind längst nicht beendet ist, so lässt sich doch festhalten, dass das noch junge Feld der Tiergeschichte sich wachsender Beliebtheit erfreut. Dass die Themen der Mensch-Tier-Beziehungen zudem zentrale Aspekte des Geschichtsunterrichts berühren und dass man über die Befassung mit Tieren neue didaktische Zugänge zu Themen entwickeln kann, die auf den ersten Blick menschenzentriert scheinen, ist bislang in der Geschichtsdidaktik nur am Rande aufgegriffen worden. Eine Didaktik der Mensch-Tier-Beziehungen liegt bisher nicht vor. In unserem Aufsatz leuchten Mieke Roscher und ich daher einerseits das Potential aus, welches die Tiergeschichte für den Geschichtsunterricht bietet, anderseits blättern wir die geschichtswissenschaftlichen Perspektiven auf die Erforschung von Tieren auf und stellen ihre geschichtsdidaktischen Implikationen vor.

Hübner, Andreas und Mieke Roscher. „Pandadiplomatie im Klassenraum: Mensch-Tier-Beziehungen als geschichtsdidaktische Aufgabe“, Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 18 (2019): 112–128. (peer reviewed)

Joseph P. Horner Memorial Library Fellowship

In seiner Herbstausgabe berichtet der „Neue Pennsylvanische Staatsbote“ über meinen Forschungsaufenthalt an der Joseph P. Horner Memorial Library in Philadelphia. Im Sommer dieses Jahres hatte ich hier als Horner Library Fellow die Gelegenheit, die Archivstudien für mein aktuelles Projekt, das sich mit der Situation der Deutschamerikaner in den USA während des Ersten Weltkrieges befasst, voranzutreiben. Neben der Horner Library nutzte ich auch die örtlichen Ressourcen der University of Pennsylvania und erkundete eher abgelegene Archive, wie die Schwenkfelder Library in Pennsburg, Pennsylvania, oder das Mennonite Heritage Center in Harleysville, ebenfalls Pennyslvania.

Philadelphia, Heimat von Charles John Hexamer und der National German American Alliance (NGAA), stellte, so viel zeigen die nun beginnenden Analysen der Quellen, einen Knotenpunkt deutsch-amerikanischer Aktivitäten während der Neutralitäts- und Kriegsphase in den Jahren 1914 bis 1918 dar. Drei Aspekte stechen auf den ersten Blick hervor: Erstens kooperierten die Deutschamerikaner der Stadt umfangreich und nachhaltig mit iro-amerikanischen Interessenvertretern und -gruppen. Zweitens nahmen Frauenhilfsvereine eine zentrale Funktion bei der Organisation und Durchführung pro-deutscher Aktivitäten ein. Drittens gelang es den Deutschamerikanern von Philadelphia trotz des Krieges ihre lokalen Interessen weiterhin erfolgreich zu vertreten. Diese ersten Befunde gilt es nun in einem Aufsatz dezidiert zu kontextualisieren, zu analysieren und zu diskutieren. Mein Dank gilt der German Society of Pennsylvania und dem Deutschen Historischen Institut in Washington, DC; die beiden Institutionen machten meinen Forschungsaufenthalt durch ihre Förderung überhaupt erst möglich.

 

Die Ordnung der Wahrheiten

(frei nach Michel F., resp. WerkstattGeschichte „Die Wahrheit der Geschichte“)

a) Wahrheiten, die dem Kaiser gehören,
b) rechtskräftige Wahrheiten,
c) gezähmte,
d) Pflichten,
e) nackte Wahrheiten,
f) Märchen, Mythen, Sagen, Schwänke,
g) die niemand wahrhaben will,
h) in diese Gruppierung gehörige,
i) die sich wie Tolle gebärden,
k) die im feinen Antlitz der wissenschaftlichen Erkenntnis daherkommen,
l) und so weiter,
m) die von Weitem wie Lügen aussehen,
n) Amen.

Thinking Machines

Im Jahr 1613 stellte der Engländer Richard Brathwaite eine kühne Frage: “What art thou O Man and from whence hadst thou thy beginning?” Eine schnelle Antwort hatte der Autor diverser Satiren und Humoresken nicht parat, wähnte sich einer Lösung aber nahe: Er hatte den weisesten Computer aller Zeiten „gelesen“. Indes eine Antwort auf seine Frage sollte er von diesem Gerät zu Lebzeiten nicht erhalten, einen neuen Begriff hatte Brathwaite aber sehr wohl geprägt: Der „Computer“ war geboren.

Über 400 Jahre später widmet das Museum of Modern Art in New York City den „elektronischen Datenverarbeitungsanlagen“ nun eine Ausstellung, die mit fast 100 Objekten die Geschichte des Computer Zeitalters nacherzählt. Für Le Mile Magazine durfte ich die exzellent kuratierte Schau besprechen und dabei den modernen Ursprung der Thinking Machines erkunden. Liebhaber können sich in New York auf Ausstellungsstücke aus den Produktschmieden von Olivetti, IBM, DIAB und Apple freuen. Eine Antwort auf den Ursprung des „Menschen“ sollten sie aber nicht erwarten.

Hübner, Andreas. „Of the Mortality of Man: Thinking Machines at the Museum of Modern Art“, Le Mile Magazine 24 (2018): 42–45.

Migration und Familie

Seit Längerem interessieren mich die Mechanismen der kolonialen Wissensproduktion. Dadurch ist im Rahmen meiner Studien zur Côte des Allemands auch der Themenkomplex „Kolonie, Kirche und Familie“ immer wieder ins Zentrum der Untersuchungen gerückt. Beim Blick in die Überlieferungen fiel mir stets die Einpassung sogenannter „deutscher“ Familien in die koloniale Wissensproduktion sowie in die kolonialen Machtbeziehungen ins Auge. Dabei wurde die Familie als universeller Referenzpunkt gesetzt, diese Setzung in der Forschung bisher aber kaum hinterfragt. Dies überrascht durchaus, stellte sich die der Kolonialisierung Louisianas zugrunde liegende Migration doch zunächst als Familien-zersetzendes Projekt dar: Unzählige Akteure kamen auf dem Weg nach Louisiana ums Leben oder starben nach ihrer Ankunft an den Stränden des Golfs von Mexiko aufgrund mangelnder Versorgung. Familien wurden zerrissen und teils komplett zu Grabe getragen. Erst nach einer Phase der Konsolidierung entstanden nach 1721 neue Familien und Familiennetzwerke, die auch die Machtbeziehungen der jungen Kolonie widerspiegelten.

Der Repräsentation und Inszenierung dieser Machtbeziehungen in Kirchenregistern bin ich nun in einem Beitrag nachgegangen, der im Oktober 2017 in einem Sammelband mit dem Titel Migration und Familie erschienen ist. Herausgegeben von Meike Baader, Wolfgang Gippert und Petra Götte vereint der Band historische und aktuelle Analysen des Schwerpunktes „Familie und Migration“ und basiert auf einer Tagung des Arbeitskreises „Historische Familienforschung“ aus dem Januar 2015.

Der Beitrag ist als Pdf-Datei verfügbar.

Hübner, Andreas. „Kolonie und Familie: Die Kirchenregister der Côte des Allemands und die Ausbildung familialer Netzwerke im Louisiana des 18. Jahrhunderts“, in Migration und Familie: Historische und aktuelle Analysen, hrsg. v. Meike Baader, Wolfgang Gippert und Petra Götte. Wiesbaden: VS Springer, 2017. 21–38.

Irving Penn – Earthly Bodies

„Vierteljährlich“ grüßt das Murmeltier: Auch im April ist wieder eine neue Ausgabe von Le Mile Magazine erschienen. In der aktuellen Ausgabe stelle ich den U.S.-amerikanischen Fotografen Irving Penn vor, dessen ausdrucksvolle Portrait-Fotografien derzeit in einer Retrospektive im Metropolitan Museum of Art, New York, zu sehen sind. Dem bereits zu Lebenszeiten gefeierten Perfektionisten gelang es solch Persönlichkeiten wie Truman Capote, Joe Louis und Pablo Picasso für seine Arbeiten zu gewinnen und sie in seinen sorgsam komponierten „Corner Portraits“ in völlig neues Licht zu „rücken“.

Obschon in den 1940er, 1950er und 1960er Jahren schnell zum Klassiker der Modewelt und des Kunstbetriebes aufgestiegen, war Penns Werdegang wenig vorbestimmt. Im Jahr 1917 als Kind einer russisch-jüdischen Migrantenfamilie in Plainfield, New Jersey, geboren, hatte Penn an der heutigen Philadelphia University of Arts studiert und zunächst eine Karriere als Maler ins Auge gefasst. Bei einer Reise nach Mittel- und Südamerika entpuppte er sich jedoch allenfalls als mittelmäßig begabt. Penn stürzte in eine Sinneskrise. Aus dieser befreite ihn erst Alexander Liberman, der Art Director der Vogue, der den Brodovitch Schüler im Jahr 1943 dazu überredete, die Disziplin zu wechseln und sich fortan der Fotografie zu widmen. Irving Penn sollte den Wechsel nie bereuen: Schon seine erste Farbfotografie fand sich auf dem Cover der Vogue wieder.

Wer Irving Penn in New York verpasst hat, darf sich trotzdem freuen: den Kuratoren zufolge soll die Ausstellung demnächst nach Berlin und München reisen.

Hübner, Andreas. „Irving Penn: Earthly Bodies“. Le Mile Magazine 23 (2017): 10–15.